Die Pandemie in unseren Köpfen
„Liebste Freundin ... !“
Eine deutsch-französische Auseinandersetzung mit dem Verhetzungs-Virus
Von Renate Bernhard und Catherine Guillaume
Mein Erwachen begann mit einem Telefonat zum neuen Jahr 2022, das ich mit meiner, mir seit Studienzeiten vertrauten französischen Freundin Catherine führte. Sie sagte Dinge, in denen ich sie plötzlich nicht wiedererkannte.
Und sie war nicht die Erste, die mich mit irritierenden, hoch emotional aufgeladenen Weltwahrnehmungen konfrontierte. Es begann schon vor Jahren mit einer Psychotherapeutin. Im ersten Corona-Jahr irritierte mich ein Fotograf mit schrägen Vorstellungen. Wenig später erlebte ich es bei einer Kleinkünstlerin, schließlich bei einer Freundin, die ich seit 15 Jahren kannte: Sie kündigte mir die Freundschaft.
Zeitgleich gingen in meiner Kleinstadt 500 Menschen wegen der Corona-Auflagen und gegen die Impfpflicht auf die Straße. Und dann Catherine.
„Wie kann das sein?“ begann ich zu fragen. „Wieso erzählen die Menschen hier auf der Straße das Gleiche wie meine Freundin, die 1200 Kilometer entfernt in Frankreich ist? Wie gehe ich mit dieser plötzlichen Fremdheit im Vertrauten um? Was ist berechtigte Kritik, die die Freundin und die Demonstranten auf der Straße ausdrücken wollen? Was wird hier zu einem giftigen Gebräu zusammen gemischt, das unser Gesellschaft schadet? Was können, was müssen wir unternehmen?
Schreibend begab ich mich auf eine Reise in das Land der Verschwörungs-Gläubigen. Es ist ein gruseliges Land. Ich entdeckte: hier ist ein weiteres Virus unterwegs. Es mutiert und versucht in allen gesellschaftlichen Gruppen anzudocken, in jeder auf die jeweils passende Art: eine Pandemie in unseren Köpfen, die unser Miteinander bedroht, die Sündenböcke bestimmt, die hetzt und die spaltet.
In meinen Briefen an Catherine habe ich versucht, nachzudenken, genau hinzuschauen, ins Gespräch zu gehen, Kritik anzuhören, nach Quellen zu fragen, das Wahre herauszukristallisieren und vom dazu Gedichteten bis Unwahren zu trennen wie die Spreu vom Weizen.
Meine deutsch-französische Freundschaft konnte ich so retten.
Nun, zwei Jahre später, ist in meinen Briefen an sie nicht nur nachlesbar, was wir unter Corona so alles an merkwürdigen Dingen geglaubt und gefürchtet haben, sondern auch, was schon da spürbar war:
Beschleunigt durch KI und die Algorithmen des Internets kranken wir nicht nur an einer Pandemie wachsender Feindseligkeit sondern auch an einer gefährlichen Ausblendung der Gefahren, die unserem Überleben auf diesem Planeten mit dem Klimawandel drohen. Und wir glauben weiter an ein Wirtschaftssystem des grenzenlosen Wachstums, das auf der Ausbeutung der Natur basiert, obwohl wir seit über 50 Jahren, seit den Publikationen des Club of Rome, wissen, dass die Ressourcen des Biotops, von dem wir existenziell abhängig sind, endlich sind.
Ernsthafter denn je müssen wir uns fragen:
Wie wollen wir leben?
Wie uns und unsere Lebensgrundlage retten?
Welche Prioritäten setzen?
Wovon müssen wir uns verabschieden?
Was neu entwickeln / entdecken?
Welchen Politikern vertrauen wir unsere Zukunft und die unserer Kinder und Enkel an?
Selten wirkten Wahlen so schicksalhaft weichenstellend wie in diesem Jahr.
Eine 1. Fassung meiner Briefe ist als Podcast hier zu hören: https://open.spotify.com/show/5VC6P9xAoEvJ7KifYxkCVM
Hier der Inhalt der 16 Podcast-Folgen
Wie das alles entstanden ist ist, hier nachzulesen
Aktuell arbeite ich an einer vertieften Weiterentwicklung als Buch: Mehr dazu hier